Miktion und Defäkation von Huftieren/Michael Schäfer 1993

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Auszug aus dem Buch „Die Sprache des Pferdes“

Die Verhaltensforscherin Dr. Liselore Haßenbergs schreibt z.B. in: ‚Verhalten bei Einhufern‘, Wittenberg Lutherstadt, 1971:

Für das Harnen (Miktion, Urinieren) und Koten (Defäkation) haben die Einhufer besondere Plätze auf ihren Weidegründen und verhalten sich darin unterschiedlich zu anderen Weidetieren, z. B. Rindern. Dies ist einigermaßen merkwürdig, da sie keine Höhlentiere sind, die ihren Wohnplatz sauber halten müssen, sondern in freier Wildbahn und auf großen Koppeln ein sehr ausgedehntes Territorium mit je nach den Wanderungen sich verschiebenden Grenzen innehaben. In freier Wildbahn wird vor allem der Kot an den Wechseln abgesetzt und die Stimmungsübertragung kann dazu beitragen, dass bestimmte Stellen an den Wechseln von fast allen Mitgliedern einer Herde benutzt werden. Auf diese Weise sind die Wechsel gleichzeitig olfaktorisch [durch Geruch] markiert. Die Equiden können sich an diesen Kotstellen nicht nur über Wegrichtung und Aufenthalt der eigenen Herde unterrichten, sondern bemerken auch auf diesem Wege die Nähe fremder Artgenossen.

In zoologischen Gärten ist dies Verhalten (aus Raummangel) oft verwischt, besonders bei der Defäkation so sehr, dass sich die Tiere während der Nahrungsaufnahme lösen . Im allgemeinen wird auch in Gefangenschaft wenigstens durch einige Schritte das ‚Zum Platz gehen‘ angedeutet. Stuten scheinen die Kotplätze vorher und nach der Defäkation nicht immer olfaktorisch zu prüfen . Hengste achten auf die Entleerung der Stuten und reagieren sofort oder nach Minuten darauf.

Nach Hafez besteht ein Unterschied in der Anlage der Kotplätze auf größeren Weiden, je nachdem, ob es sich um eine Stuten oder Hengstherde handelt. Beide weiden das Gras an den Kotstellen nicht ab, so dass es dort lang bleibt. Bei den Stuten sollen sich diese langgrasigen Kotplätze Jahr für Jahr verbreitern, weil sich die Stutenbeim Defäkieren nicht auf den alten Kotplatz stellen, sondern mit dem ‚Gesicht‘ ihm zugewandt. Die Hengste dagegen stellen sich direkt auf die alten Plätze, so dass deren Ausdehnung konstant bleibt. Dr. Liselore Haßenberg

Der bekannte Tierarzt und Verhaltensforscher Michael Schäfer schreibt in seinem Buch ‚Die Sprache des Pferdes’, Stuttgart 1993, zu diesem Thema. Schäfer beschreibt dabei nicht nur das Verhalten der Pferde, wie der Titel vermuten lässt, sondern behandelt das Verhalten der Equiden allgemein:

Es gibt im Aktionsraum freilebender Equiden mehrere Orte, die als eine Art Klo dienen, obwohl Einhufer wie die meisten Pflanzenfresser auch überall wahllos Harn und Kot absetzen. Spezielle Kotplätze liegen vielfach in der Nähe der Wechsel oder an deren Kreuzungen, die von den Tieren häufig begangen werden, und wo sie dann jedes Mal geruchlich prüfen, ob und wenn ja, welche Bekannte oder Familienmitglieder sie schon vorher benutzt haben, um daraufhin an derselben Stelle zu misten. Das Misten, wie man das Absetzen von Kotballen beim Pferde (und Esel) nennt, hat eine derart ansteckende Wirkung, dass sich die übrigen Herdenmitglieder der Reihe nach anschließen, um ihrerseits zu äpfeln, so dass im Laufe der Zeit manchmal mehrere Quadratmeter messende und je nach Dauer der Benutzung eines Gebietes  bis zu einem halben Meter hohe Flächen entstehen.
Auf den üblichen, begrenzten (Esel-) und Pferdeweiden werden auch Kotplätze angelegt, aber es macht den Eindruck, als ob sie anfänglich rein zufällig entstünden. Da Pferde (und Esel) die verschmutzten Freßstellen verschmähen, sind sie nach kurzer Zeit am hohen Graswuchs zu erkennen, der sich mit der verstärkten Ansammlung der Haufen je nach dem Geschlecht der Weidepferde verschieden schnell und unterschiedlich großflächig ausdehnt. Auf Hengstkoppeln erweitern sich die Kotplätze  wesentlich langsamer, weil Hengste ihre Mistballen nach genauer Inspektion und geruchlicher Prüfung der vorhandenen Exkremente, dem vor allem bei Stutenmist ein ausgiebiges Flehmen folgt, gewöhnlich zielsicher wieder auf dieselbe Stelle fallen lassen. Stuten beriechen zwar fremde Kothaufen ebenfalls und flehmen manchmal danach, doch sind sie weniger intensiv und interessiert bei der Sache und misten meist noch während der Erkundung, wodurch die neuen Roßäpfel von den alten etwas entfernt niederpurzeln und den Platz oftmals um Pferdelänge vergrößern.

Im Stall oder engen Ausläufen muss das Aufsuchen spezieller Kotplätze notgedrungen unterbleiben, doch gibt es viele als sauber bezeichnete Pferde [oder Esel]. die auch in der Box, ja selbst in Ständern nur eine bestimmte Ecke oder Seite zur Kotablage benutzen. Manche angebundene Tiere zeigen die Gehintension in Richtung Kotplatz noch dadurch an, daß sie zum Misten im Stand soweit wie möglich vortreten und dann durch das Zurückkehren in die Ausgangsstellung die ganze Einstreu verschmutzen.

Pferde [und Esel] äpfeln bei Weidegang relativ gleichmäßig über die 24 Stunden verteilt, im Durchschnitt zehn- bis zwölfmal pro Tag.  Nervöse und ängstliche Pferde [und Esel] machen sich buchstäblich bei jedem sie beunruhigendem Anlass in die Hosen und geben oft im Abstand von wenigen Minuten einen in der Konsistenz verdünnten, vielfach noch kaum verdaute Haferkörner enthaltenden Kot ab, was besonders bei Pferden vor dem Rennen beobachtet werden kann.

Zum Harnen werden ebenfalls gewisse Stellen bevorzugt, doch sind sie aus naheliegenden Gründen anfänglich nicht leicht zu erkennen und erst an dem Bewuchs durch grobstängeliges, stickstoffliebendes Gras zu erkennen. Ein konzentrierter Gesichtsausdruck und wie beim Koten gewöhnlich in Richtung des Vorgangs gestellte Ohrmuscheln begleiten diese Handlung, wozu Hengste und Wallache noch etwas ausschachten, um sich nicht zu benässen. Tiere die nicht ausschachten nannte man daher sinnigerweise Hosenpisser. Ausgesprochen unangenehm scheint es Pferden [und Eseln] beiderlei Geschlechts zu sein, wenn sie sich beim Stallen auf festem Boden die Gliedmaßen oder den Bauch bespritzen. Da sie nach Möglichkeit die Harnabgabe so lange verzögern, bis sie auf einer saugfähigen Unterlage stehen, was dann sofortiges Urinieren auslöst, ist die aus Sparsamkeitsgründen früher häufige Entfernung der Einstreu über Tag, die viele Pferde [und Esel] zu einem unphysiologisch langen Harnverhalten zwang, eine Tierquälerei gewesen. Auch von Gespannpferden aus Großstädten mit gepflasterten Straßen war dies Gebaren bekannt.

Hengste, die zusammen mit Stuten weiden, pflegen jede erreichbare Kot- und Harnstelle ihrer Artgenossinnen mit Roßäpfeln zu verzieren und weitaus präziser und unbedingter mit eigenem Harn zu markieren, weshalb sie mit ihren Ausscheidungen gut haushalten müssen. Michael Schäfer

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